Aus der Geschichte des KUOV Zürich + Schaffhausen

Gründung

Als erster Unteroffiziersverein unseres Landes entstand 1839 die «Unteroffiziersgesellschaft aller Waffen des Quartiers Zürich». Dieser Zusammenschluss war über die Stadtmauern hinaus wirksam, gab die Initialzündung für die Gründung weiterer Unteroffiziersvereine und funktionierte als Vorläufer des späteren Kantonalverbandes Zürich + Schaffhausen. 

Die Schrecken der Franzosenzeit

Der Gründergeneration waren die Schrecken der «Franzosenzeit» noch in lebendiger Erinnerung: 1798 hatte die alte Eidgenossenschaft den Einmarsch der französischen Truppen nicht abwehren können. Das Land wurde militärisch besetzt, das Volk entwaffnet, die Staatskasse geplündert um Frankreichs Expansionspolitik zu finanzieren. 1799 kämpften österreichische, russische und französische Armeen auf Schweizer Boden. Die Bevölkerung hatte die fremden Soldaten zu beherbergen und zu verköstigen. Beide Kriegsparteien füllten mit Zwangsrekrutierungen ihre Reihen auf. Schweizer sah man fortan auf allen möglichen Schlachtfeldern Europas fechten, mitunter sogar gegen Landsleute, die für den Gegner im Einsatz standen.

Während anfänglich der französische Einmarsch von einem Teil des Volkes als Befreiungsschlag begrüsst wurde, war um die Jahrhundertwende allen klar, dass der Preis, der für diese „Befreiung“, zu hoch ist und es besser gewesen wäre, die Differenzen hausintern zu bereinigen und in alter Geschlossenheit die fremde „Hilfe“ abzuwehren.

Bewaffnete Neutralität

Nach Napoleons Niederlage in Waterloo wurde Neutralität und Unverletzbarkeit der Eidgenossenschaft von den siegreichen Grossmächten bestätigt. Die Schweizer waren fortan verpflichtet, diesen Status aus eigener Kraft zu behaupten.

Das ausgeplünderte Land brauchte noch Jahre, um sich vom Schaden der Franzosenzeit zu erholen. Eine Stärkung des Wehrwesens war aus materiellen Gründen nicht im erforderlichen Umfang möglich. Umso mehr richteten sich die Anstrengungen des Volkes auf Milizorganisationen, welche die Vaterländische Gesinnung stärkten und das Militärische Know-how pflegten, um damit dem Land eine Wiederholung des Dramas von 1798-1815 zu ersparen.

Unruhen und eidgenössischer Aufbruch

Die 1820er und 30er Jahre waren die Zeit innenpolitischer Wirren. Es galt die Wiederherstellung der alten Patrizierherrschaft zu verhindern. Die Landbevölkerung errang Gleichberechtigung, die Liberalen forderten die Überwindung des Kantönligeistes. Die Idee der freund-eidgenössischen Zusammenschlüsse führte zur Gründung nationaler Schützen-, Turn- und Gesangsvereine. In diesem Geist ist auch die Entstehung der Offiziersgesellschaft (1833) und sechs Jahre später der Unteroffiziersgesellschaft Zürich zu sehen. Dem Beispiel der Zürcher folgten 1841 die Schaffhauser und 1842 die Winterthurer Unteroffiziere. Auch damals dachte man an eine intensivere Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg und 1843 gründeten diese drei Vereine in Bülach zusammen mit den Thurgauer Unteroffizieren einen Dachverband mit dem Namen «Östlich-Schweizerischer UOV». Diese Gruppe stand dann Pate bei der Gründung von Vereinen in Aarau, Zug und Baselland und beim Zusammenschluss zum ersten Schweizerischen Unteroffiziersverband 1864.

Freiwilliges Engagement

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren militärische Ausbildung, Ausrüstung und Bewaffnung noch Sache der einzelnen Kantone und blieben aufs Allernotwendigste beschränkt: Die Rekrutenschule dauerte je nach Waffengattung 28 bis 42 Tage. Wiederholungskurse fanden alle zwei Jahre statt. Sie dauerten für den Auszug neun und für die Reserve fünf Tage. Die Unteroffiziersvereine übernahmen die Aufgabe, durch freiwillige ausserdienstliche Übungen die militärische Ausbildung ihrer Mitglieder zu verbessern. In der damals sehr knapp bemessenen Freizeit wurden am Sonntag die Übungen im Schiessen, Fechten, Exerzieren, Marschieren und Turnen absolviert. Der theoretischen Weiterbildung dienten militärische Vorträge und um die Mitgliedschaft im Verein interessant zu machen, veranstaltete man gesellige Anlässe.

Bürgerkrieg und Neustart Mit Ausnahme der UOG Zürich hat keiner der ersten Unteroffiziersvereine den Sonderbundskrieg von 1847 überlebt. Die Zürcher UOG hatte somit bis zur Neugründung des UOV Winterthur 1871 wieder das gesamte Kantonsgebiet abzudecken.

Neue Impulse erhielten die Schweizer Unteroffiziere in der Romandie und in Luzern, wo 1850 der Stadtverein entstand und 1862-64 der Grundstein zur Gründung des Schweizerischen Verbandes (SUOV) gelegt wurde. Die durch den Rheinfeldzug unter General Dufour (Neuenburgerhandel 1856/57) ausgelöste nationale Begeisterung bewirkte auch eine Stärkung der Unteroffiziersbewegung; die sich auch während der Grenzbesetzungen 1859 und 1866 festigen konnte.

Nach der Zeit des Deutsch-Französischen Krieges, (1870/71), bei dem auch die Zürcher und Schaffhauser Truppen im Jura an der Grenze standen, erfolgte die Gründung neuer lokaler Unteroffiziersvereine. Deren Vereinigung in einem eigenen Kantonalverband wurde aber erst nach dem Ersten Weltkrieg vollzogen. Die Grenzbesetzung 1914-18 brachte das Land – obwohl es von direkten Kriegshandlungen verschont blieb – in existenzbedrohende Not.

«Nie wieder Krieg...»

1919 befanden sich die meisten Unteroffiziersvereine und auch der schweizerische Dachverband in einem «beklagenswerten Zustand». Die Stimmung war geprägt von einer weit verbreiteten Dienstmüdigkeit und von einem Hass auf alles Militärische, dem man die Urheberschaft für die eben erlebten Weltkriegsgreuel zuschob. Die pazifistische Parole in ganz Europa hiess «Nie wieder Krieg». Die Öffentlichkeit stand unter dem Schock der alles erfassenden Entwicklung der modernen Kriegführung. Man war davon überzeugt, dass die Menschheit für alle Zeit aus dieser blutigen Lektion die Konsequenzen zieht und nun alles daran setzen werde, alle zukünftigen Konflikte friedlich zu lösen. Zuversicht weckte der in Genf gegründeten Völkerbund, der Vorläufer der heutigen UNO.

Kritische Phase nach dem ersten Weltkrieg

Die Grenzbesetzung 1914-18 hatte die Unteroffiziersvereine in eine schwierige Lage gebracht: «Der Niedergang des ganzen schönen Unteroffiziersvereins wird immer offensichtlicher...» schreibt beispielsweise der Chronist des UOV Winterthur. Weil die aktiven UOV-Mitglieder an der Grenze Dienst leisteten war es während der Kriegsjahre äusserst schwierig, den Verein am Leben zu halten. «Es nimmt einen wunder, dass überhaupt noch Leute da waren, die den Verein noch betriebsfähig erhalten konnten; war doch der lange Grenzdienst, die erschwerte Lebensmöglichkeit und die sich so herb bemerkbar machende Volkspsyche ein stetiges Hindernis für das bescheidenste Spriessen der kranken Blume.» Die Anspielung auf die «Volkspsyche» bezieht sich auf den aufkommenden Kommunismus mit dem Ausbruch der Revolution in Russland 1917, in Oesterreich-Ungarn und Deutschland 1918/19 und dem Generalstreik in der Schweiz (1918/19).

Nicht alle UOV-Sektionen waren von diesen Problemen gleich stark betroffen. Der UOV-Zürich zB hielt bis 1918 sein Übungsprogramm durch. Schreibt dann aber für 1919 doch: «Das Interesse der Mitglieder hatte durch den allzulang andauernden Grenzdienst stark gelitten...» Und der Berichterstatter des UOV St Gallen beklagt in dieser schwierigen Phase die fehlende Leistungsbereitschaft der jungen Generation: «leider könnte ich über die heutige Anschauung eines Teils der jungen Unteroffiziere dem Vaterlande und seinen Institutionen gegenüber nichts Lobendes sagen!»

 

Die Gründung des Kantonalverbandes

In dieser schwierigen Zeit beschlossen die Unteroffiziersvereine der Kantone Zürich und Schaffhausen, sich in einem Dachverband zusammenzuschliessen. Die Idee dieser Gründung war nicht die Fusion, sondern die Verstärkung der Zusammenarbeit, um gemeinsam die Herausforderungen der Zeit zu meistern. Die Gründungsfeier des KUOV fand am 9. November 1919 in Schaffhausen statt. Die Bewegung erfasste auch die Sektionen: «Ein frischer Zug kam ins Vereinsleben. Das Vermächtnis jener Männer, die treu ausgeharrt hatten während der schwersten Zeit des UOV (...) war der Wille, unseren lieben Verein zu erhalten und zu bewahren vor dem Zusammenbruche. (...) Durch ein reichhaltiges Programm gelang es wieder neue Kameraden zu gewinnen.» kommentiert der UOV Winterthur.

Zwischenkriegsjahre

Man vertraute auf die Macht des Völkerbundes und hoffte, dass nun in Europa der ewige Friede herrschen würde. Das Militärische glaubte man vernachlässigen zu dürfen, bei der Rüstung und Ausbildung wurde massiv gespart. Ab 1929 behinderte die Weltwirtschaftskrise alle Versuche den Rüstungsrückstand aufzuholen, während sich die sozialen und politischen Spannungen in Europa verschärften und bereits erkennbar war, dass aus die Nachkriegszeit zur Zwischenkriegszeit wird. Das Volk erkannte die Gefahr, die von den totalitären Nachbarstaaten ausging und es unterstützte EMD-Chef Rudolf Minger, der sich energisch für eine Modernisierung der Armee einsetzte. 1936 engagierten sich die Unteroffiziersvereine für die Wehranleihe und traten mit vaterländischen Manifestationen für eine Starke Landesverteidigung ein. Auf Initiative der Zürcher UOG entstand das Wehrmännerdenkmal auf der Forch zur Ehrung der Aktivdienstgeneration und als Mahnung für die Jugend. Ab 1936 wurden grossangelegte Felddienstübungen durchgeführt, zu denen die Sektionen in Kompaniestärke antraten.

 

Zweiter Weltkrieg und «Kalter Krieg»

1939 brach der zweite Weltkrieg aus. Dieser war noch grauenvoller als der Erste und führte zur Teilung Europas und zum kalten Krieg, der dann auf vielen Stellvertreter-Schlachtfeldern in andern Kontinenten alles andere als «kalt» ausgetragen wurde.

1956 als russische Panzer in Ungarn die Freiheitsbewegung niederkämpften, führen die Unteroffiziersvereine im ganzen Land öffentliche Panzerabwehrkurse durch. Veteranen und Jungschützen üben mit Panzerwurfgranaten und Molotowcocktails. Insgesamt 887979 Kursteilnehmer setzen ein klares Zeichen für den Widerstandswillen. Als Konsequenz aus der Ungarnkrise folgt die Beschaffung der Raketenrohre, der PAK ... und des Panzer 61. Die Unteroffiziersvereine wenden sich friedlicheren Themen zu; organisieren Skipatrouillenkurse, militärische Wettkämpfe, Fitnesstrainings, Orientierungsläufe, Hallfenfussballtourniere und Schiesssportveranstaltungen.

Armeeabschaffung?

1989 ist mit dem Mauerfall und dem Zusammenbruch des Ostblocks der kalte Krieg beendet. Die humorige Parole der Armeeabschaffer heisst nun: «Wir sind umzingelt von Freunden!» Wer braucht in einer so komfortablen Lage noch Soldaten? Bereits 1991 zeigt der Krieg auf dem Balkan wieder Gräueltaten, die man seit 1945 in Europa für nicht mehr möglich gehalten hat. Die Ereignisse in Ex-Jugoslawien vermögen sogar bei bisher armeekritischen Kreisen ein Umdenken auszulösen: Verbrechen, wie sie in Srebrenica und Sarajewo verübt wurden kann man nur mit dem Einsatz militärischer Mittel stoppen. Es wuchs die Einsicht, dass es Militär braucht, um die Zivilbevölkerung vor ausser Kontrolle geratenen Kriegerbanden zu schützen und dass es Militär braucht, um den Wiederaufbau im befriedeten Gebiet zu sichern.

Trotz dieser Entwicklung laufen in der Schweiz die Bestrebungen zur Abschaffung der Armee weiter und das Volk wird immer wieder an die Urne gerufen um über militärfeindliche Initiativen zu entscheiden. Die Unteroffiziersvereine sind in all diesen Abstimmungskämpfen angetreten um ihrem Grundsatz getreu für eine starke Landesverteidigung einzustehen.

Verändertes Umfeld

Die politische „Grosswetterlage“ hat sich seit 1990 stark verändert. Mit dem Wegfall der äusseren Bedrohung erhalten jene gesellschaftlichen Tendenzen freien Lauf, die geprägt von einem wachsenden Individualismus auf die sofortige Befriedigung aller privaten Wünsche ausgerichtet sind. Der Sinn für das Gemeinsame schwindet und mit ihm die Bereitschaft, für das Land etwas zu leisten.

Radikale Armeereformen

Die Armee ist mit der Reform von 1995 massiv verkleinert und der neuen Lage angepasst worden. Mit der Armee XXI wurde noch in der Transformationsphase eine nächste radikale Umgestaltung vorgenommen.

Die Situation war aussergewöhnlich: während normalerweise Reformen den Sinn haben, etwas zu verbessern, ging es diesmal um das Gegenteil: Dieser Armeeumbau zielte auf die Zerstörung funktionierender Strukturen und riss einen Graben auf zwischen Volk und Armee. Bewährtes wurde durch überstürzt eingeführtes Unausgegorenes ersetzt.

Der KUOV ZH + SH hat sich zu Beginn der 1990er Jahre intensiv mit der Armeereform und den Konsequenzen für die Milizverbände auseinandergesetzt.

Die Strukturen des Verbandes wurden der neuen Lage angepasst und es gelang, den Kantonalverband aus den "nationalen Fusionswirren" von 2003 herauszuhalten. Der Zusammenschluss des Schweizerischen Dachverbandes mit dem Feldweibelverband, dem Küchenchefverband und dem Fourierverband absorbierte wertvolle Kräfte in einer heiklen Phase. Die Übung wurde abgebrochen, sobald deutlich sichtbar war, dass die treibenden Kräfte der Fusion den neuen Verband (SUG) dafür einsetzen wollten, in der politischen Auseinandersetzung um die Armeereform die offizielle Position des VBS zu propagieren. Der Unteroffiziersverband entschied sich dafür, unabhängig und politisch ungebunden zu bleiben.

Bei allen Modernisierungen und organisatorischen Änderungen der letzten Jahrzehnte blieb die Grundaufgabe der Unteroffiziersvereine unverändert: Die Armee bildet die Unteroffiziere aus, der UOV bildet die Unteroffiziere weiter. Die Milizarmee lebt vom ausserdienstlichen Engagement ihrer Angehörigen und von der Verbundenheit des Volkes mit den Soldaten. Der Kantonalverband leistet seinen Beitrag zur Sicherheit in unserem schönen Land.

(as)

Quellen:

  • Protokolle und Jahresberichte des Kantonalverbandes Zürich + Schaffhausen (1919-2018)
  • Protokolle und Berichterstattung der UOG Zürich (1839-2005)
  • Auskunft Adj Uof Rudolf Graf, Biel (ehem. Zentralsekretär des SUOV)
  • Auskunft von Wm Heinrich Baltensperger (ehem. Kantonalpräsident KUOV ZH+SH)
  • Auskunft von Fw Heinrich Guggenbühl, Leiter der Übermittlungssektion der UOG Zürichsee rechtes Ufer, Gründer der Aktion Aktivdienst und Gründer der Verkehrskadetten.
  • Jubiläumsschrift zum 125-jährigen Bestehen des SUOV, verfasst von Adj Uof Rudolf Graf. Frauenfeld 1989.
  • Jubiläumsschrift zum 50-Jährigen Bestehen des UOV Winterthur, verfasst von J.H. Amez-Droz. Winterthur 1921.
  • 30 Jähriges Jubiläum und Fahnenweihe des UOV Zürich. Festschrift von 1925.
  • Festschrift zum 100-Jahr Jubiläum des UOV Glatt- und Wehntal. 1988
  • Jahresberichte des SUOV (1864-2018)
  • Geschichte der Schweizer Armee, verfasst von Hans Rudolf Kurz. Verlag Huber, Frauenfeld 1985
  • Festschrift 125 Jahre Unteroffiziers-Gesellschaft Zürich Chronik 1939-1963
  • 150 Jahre UOG Zürich 1839-1988
  • Auskunft von Hans Handschin, Sissach. Ehrenpräsident UOV Baselland (Liestal, 1995)
  • Auskunft von Oberstlt Albert Lätsch, ehem. Präsident OG Zürcher Oberland

 

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